Systemische Paartherapie: Was genau ist das?

„Was heißt das eigentlich, systemisch?" Diese Frage stelle ich mir in gewisser Weise selbst zu Beginn fast jeder Zusammenarbeit, denn die wenigsten Paare, die zu mir kommen, wissen, dass es überhaupt unterschiedliche therapeutische Ansätze gibt. Die meisten suchen sich ihre Therapeutin nicht wegen einer bestimmten Methode aus, sondern weil das Gefühl stimmt oder die Empfehlung passt. Deshalb erkläre ich zu Beginn unserer Zusammenarbeit fast immer erst einmal, wie ich arbeite und warum.

Genau das möchte ich hier auch tun, einmal in aller Ruhe, denn dieser Blickwinkel prägt alles, was ich in meiner Arbeit mit Paaren tue.

In diesem Artikel erkläre ich, was systemisch überhaupt bedeutet, wie sich dieser Ansatz von anderen Therapieformen unterscheidet, welche Grundhaltung dahintersteckt, was die Forschung über die Wirksamkeit systemischer Therapie sagt, und wie ich in meiner eigenen Arbeit konkret vorgehe.

Was bedeutet „systemisch" eigentlich?

Sehr kurz dargestellt: Systemische Therapie schaut nicht in erster Linie auf eine einzelne Person und ihr „Problem", sondern auf das Beziehungsgeflecht, in dem diese Person lebt, also das System. Eine Partnerschaft ist so ein System. Eine Familie ist eines. Auch ein Team bei der Arbeit.

Ein Bild, das ich in meinen Sitzungen sehr gerne verwende, um das greifbar zu machen: ein Mobile. Stellt Euch Euer Beziehungsgeflecht wie ein Mobile vor, bei dem alle Teile miteinander verbunden sind und sich gegenseitig im Gleichgewicht halten. Bewegt sich ein Teil, und sei es nur ein kleines, bewegen sich automatisch auch alle anderen, weil sie darauf reagieren müssen, um wieder eine Balance zu finden. Kommt ein neues Element dazu, ein Kind, ein neuer Job, eine Krankheit, oder bricht etwas weg, müssen sich alle Teile des Systems neu ausrichten, bis sich ein neues Gleichgewicht eingestellt hat. Genau das passiert auch in Eurer Beziehung: Verändert sich einer von Euch, verändert sich zwangsläufig auch das Gefüge zwischen Euch beiden.

In einem System beeinflusst jedes Verhalten das nächste. Wenn Du Dich zurückziehst, reagiert Dein Partner darauf, vielleicht mit mehr Nähe-Suche, vielleicht mit eigenem Rückzug. Diese Reaktion beeinflusst wiederum Dein nächstes Verhalten. Es entsteht ein Kreislauf, in dem sich beide gegenseitig beeinflussen, ohne dass einer von beiden „schuld" daran ist, dass der Kreislauf existiert. Systemische Therapie nennt dieses Denken zirkuläres Denken. Die Frage ist nicht „Wer hat angefangen?", sondern „Was passiert zwischen Euch, das sich immer wieder selbst verstärkt?"

Kurze Abgrenzung zu anderen Therapieformen

Um zu verstehen, was systemische Therapie ausmacht, hilft ein kurzer Vergleich. Die Verhaltenstherapie zum Beispiel setzt stärker bei konkreten Verhaltensweisen, Gedankenmustern und einzelnen Symptomen an, oft bei einer Person, manchmal ergänzt um den Partner. Die tiefenpsychologische oder analytische Therapie schaut stärker in die eigene Biografie und unbewusste innere Konflikte einer einzelnen Person.

Systemische Therapie unterscheidet sich davon, weil sie das Problem gar nicht zuerst in einer einzelnen Person verortet, sondern im Zwischenraum, in der Beziehung selbst. Nicht: Was stimmt nicht mit Dir? Sondern: Welches Muster ist zwischen Euch entstanden, und welche Funktion hat es, auch wenn es Euch beiden gerade schadet? Das ist kein Widerspruch zu anderen Verfahren, viele systemische Therapeut:innen greifen durchaus auch auf einzelne Techniken aus anderen Richtungen zurück, aber die grundlegende Blickrichtung, auf das System statt nur auf das Individuum, bleibt die Besonderheit.

Interessant zur Einordnung: In Deutschland sind genau vier psychotherapeutische Verfahren sowohl wissenschaftlich als auch von den gesetzlichen Krankenkassen offiziell als sogenannte Richtlinienverfahren anerkannt: die Verhaltenstherapie, die Analytische Psychotherapie (Psychoanalyse), die Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und die Systemische Therapie, die 2020 als viertes und bislang jüngstes Verfahren aufgenommen wurde. Alle vier mussten ihre Wirksamkeit durch wissenschaftliche Studien nachweisen, um diesen Status zu erhalten. Das bedeutet: Systemische Therapie ist kein alternativer Trend am Rand, sondern steht fachlich gleichwertig neben den drei anderen etablierten Verfahren.

Die Grundhaltung in der systemischen Paartherapie: Kein Schuldiger, sondern ein gemeinsames Muster

Aus dieser Sichtweise ergibt sich eine Grundhaltung, die mir in meiner Arbeit besonders wichtig ist: Es geht nie darum, wer von Euch beiden „Recht" hat oder wer sich ändern muss, damit alles gut wird. Es geht darum, das Muster zu verstehen, das zwischen Euch entstanden ist, und das in der Regel beide Seiten mit aufrechterhalten, auf ganz unterschiedliche, aber gleichwertige Weise.

Diese Haltung ist außerdem konsequent ressourcenorientiert und lösungsorientiert. Ich schaue nicht nur danach, was nicht funktioniert, sondern genauso danach, was zwischen Euch schon funktioniert, welche Stärken, welche gemeinsame Geschichte, welche Verbindung noch da ist, auf der sich aufbauen lässt. Allparteilichkeit gehört ebenfalls dazu: Ich stehe nicht auf einer Seite, sondern nehme beide Perspektiven gleichermaßen ernst, auch wenn sie sich widersprechen. Eben weil beide Perspektiven auf ihre Art und Weise in ihrer Wahrnehmung real sind.

In der systemischen Arbeit gibt es keinen Schuldigen. Es gibt ein Muster, das zwischen Euch entstanden ist, und das Ihr gemeinsam verändern könnt.

Was die Forschung über die Wirksamkeit sagt

Systemische Therapie ist längst nicht mehr nur eine unter vielen alternativen Richtungen, sie ist in Deutschland wissenschaftlich und rechtlich vollständig anerkannt. Bereits 2008 hat der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie systemische Therapie sowohl für die Arbeit mit Erwachsenen als auch mit Kindern und Jugendlichen als wissenschaftlich fundiertes Psychotherapieverfahren eingestuft. 2018 hat der Gemeinsame Bundesausschuss zusätzlich Nutzen und medizinische Notwendigkeit der systemischen Therapie für Erwachsene festgestellt, seitdem ist sie als Richtlinienverfahren auch eine reguläre Kassenleistung für entsprechend diagnostizierte psychische Erkrankungen.

Die zugrundeliegende Studienlage zeigt dabei nicht nur, dass systemische Therapie wirkt, sondern auch, dass sie das im Vergleich vergleichsweise kosteneffizient tut, bei hoher Zufriedenheit der Behandelten und guten längerfristigen Effekten.

Wichtig für Paare ist hier eine Unterscheidung: Diese Anerkennung bezieht sich auf systemische Therapie als Methode zur Behandlung diagnostizierter psychischer Erkrankungen. Eine Beziehungskrise selbst gilt weiterhin nicht als eigene Diagnose, weshalb reine Paartherapie in der Regel trotzdem privat finanziert werden muss, dazu findet Ihr mehr im Artikel zu den Kosten einer Paartherapie.

→ Tiefer einsteigen:
Kosten einer Paartherapie: Damit solltet Ihr rechnen

Mein Vorgehen in der Paartherapie

In meiner eigenen Arbeit mit Paaren folge ich einem Dreischritt, den ich mit Verstehen, Verändern und Verbinden beschreibe.

Im ersten Schritt, Verstehen, schauen wir gemeinsam auf das Muster, in dem Ihr immer wieder feststeckt. Warum geratet Ihr in denselben Kreislauf, und was liegt darunter, oft alte Verletzungen, die in bestimmten Situationen aktiviert werden, ohne dass es Euch bewusst ist? Diese blinden Flecken sind von innen, mitten im eigenen Beziehungssystem, kaum zu erkennen, dafür braucht es einen Blick von außen.

Im zweiten Schritt, Verändern, geht es darum, gemeinsam neue Wege zu finden: anders zu reagieren, Bedürfnisse auszusprechen statt sie zu verschweigen oder vorzuwerfen, und die Verbindung auch in schwierigen Momenten zu halten, statt sie zu verlieren.

Im dritten Schritt, Verbinden, entwickelt Ihr ein gemeinsames Bild davon, wie Eure Partnerschaft künftig aussehen soll, ob als neu gestaltete gemeinsame Beziehung oder, wenn das der ehrlichere Weg ist, als respektvoll getrennte, aber weiterhin handlungsfähige Familie.

Was mir dabei über die Methode hinaus wichtig ist: Ich möchte, dass Ihr Euch bei mir wertgeschätzt, verstanden und gesehen fühlt, in einer Atmosphäre, die sich sicher und angenehm anfühlt, gerade weil die Themen, die Ihr mitbringt, oft alles andere als leicht sind. Ich arbeite offen und transparent, das heißt, Ihr versteht nicht nur, was in einer Sitzung passiert, sondern auch, warum ich einen bestimmten Weg mit Euch gehe. Und wo es passt, darf es bei mir auch leicht sein: Ein bisschen Humor, im richtigen Moment, nimmt schwierigen Gesprächen oft etwas von ihrer Schwere, ohne sie kleinzureden.

Wenn Ihr Euch fragt, ob dieser systemische Blick zu Eurer Situation passt: Er passt praktisch immer, weil er nicht von einer bestimmten Diagnose oder einem bestimmten Problem abhängt, sondern von der Bereitschaft, Eure Beziehung als gemeinsames System zu betrachten, an dem Ihr auch gemeinsam arbeiten könnt.

→ Tiefer einsteigen:
Paarberatung oder Paartherapie: Was ist der Unterschied?
Beziehungskrise bewältigen: Anzeichen, Ursachen und nächste Schritte

Noch nicht sicher, wo Ihr als Paar gerade steht? Der Selbsttest für 0€ gibt Euch erste Orientierung.
→ Zum Selbsttest: Nur eine Krise oder schon das Ende?

Im Orientierungsgespräch schauen wir gemeinsam auf Euer Muster und was ein passender nächster Schritt für Euch sein könnte.

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Kosten einer Paartherapie: Damit solltet Ihr rechnen